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Wolf Henri und sein Adler
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Wolf Henri
Ein paar Lebensdaten zur Biografie Wolf Henris
1912Geburt in Leipzig, unruhige Jugend, häufige Umzüge der Eltern, wechselnde Schulen, auf der "Walz" in Deutschland, Frankreich und in Schweden, verschiedene Berufstätigkeiten, erste künstlerische Versuche, tastend noch
1939Einberufung zum "Arbeitsdienst"
1942Einberufung zum Kriegsdienst in der Wehrmacht, Einsatz als einfacher Soldat an verschiedenen Fronten, ein paar Mal mit viel Glück davongekommen ...
1945Kriegsgefangenschaft
1946Beginn der künstlerischen Entfaltung in München, Arbeit in einer Ateliergemeinschaft, gegenständliches Schaffen in Holz und Stein, sakrale Werke für Kirchen in Süddeutschland
ab 1958erste Einzelausstellungen
1963nach Berlin (Henri: "Hier kann ichfrei atmen! "). Beginn des abstrakten Schaffens mit dem "Bildhauermaterial" Stahl, Werkschauen in Berliner Galerien und später auch im Rahmen der Freien Berliner Kunstausstellungen
1971 Einrichtung einer Atelierwerkstatt in der Schmiede am Richardplatz, Installation eines schweren Elektrohammers
bis 1984 reiches Schaffen freier Plastiken, immer wieder aber auch von "Gebrauchsplastik" (Leuchter, Lampen und Tore mit einer ganz besonderen Note), diverse Einzelausstellungen, national und international
1985Umzug nach Frankreich (nicht weit von Bordeaux), Umbau eines alten Bauernhauses zum Alterssitz eines Individualisten, noch immer eine kleine Esse noch immer kleinere Arbeiten in Eisen
1999Tod in le Peyré bei Casteljaloux, Frankreich

Ein paar Begegnungen Wolf Henris

(die ihn wahrscheinlich sehr geprägt haben - aus meiner ganz persönlichen Sicht)

Dr. Lucius - Als Wolf Henri während der 20er Jahre für nur ein Jahr in ein Internat kam, traf er auf diesen Lehrer. Wir wissen nicht viel über ihn. Aber er muss in Henri das Gespür für das Gute im Menschen geschärft und ermutigt haben. Henri hat ihn oft erwähnt, auch noch im hohen Alter. Gute Lehrer vermögen so viel...

Der Tod, denn der ist ihm im Krieg oft begegnet, und diese Begegnung muss einen Menschen verändern. Viele haben aus dieser Erfahrung wenig gemacht, oder sie haben ein Leben lang versucht, sie zu verdrängen. Wolf Henri hat diese Begegnung nach langer Suche endgültig zum Künstler gemacht.

Ruth, seine Frau, die ihn unterstützte, förderte und ihm stets eine gleichberechtigte Partnerin war.

Berlin, eine Stadt, die ihm die Atmosphäre bot, die er für seine Arbeit brauchte, und in der er die Möglichkeiten für seine künstlerische Entfaltung fand. Besonders in Neukölln.

Das Eisen, das für ihn nach langer Suche zu dem Material wurde, in dem er sich endlich so ausdrücken konnte, wie es seiner Empfindung entsprach: unmittelbar, kraftvoll und doch von großer Sensibilität.

Die Kinder, die er durch die Schmiede am Richardplatz führte, denen er seine Art zu arbeiten zeigte und in denen er vielleicht das eine oder andere Mal den Sinn für das Schöne, für die Kunst hat wecken oder bestärken können. Dieser Aspekt seiner Arbeit in der Schmiede war ihm wichtig. Er hat oft davon erzählt.

Le Peyré ein kleiner Ort in Südfrankreich, in dem er sich seine Lebensumgebung so einrichten konnte, wie es ihm (und seiner Frau) gefiel.

Wie Wolf Henri gearbeitet hat

Wenn Wolf Henri eine Plastik gestaltet hat, lag seiner Arbeit nie eine Zeichnung zu Grunde. Stets aber gab es einen Plan, eine Idee, die dann im Feuer der Esse und unter der Wucht des Hammers Gestalt annahm. Auf diese Weise wurde seine Intuition zur Form.

Dieser Prozess vollzog sich, der Technik des Schmiedens entsprechend, intervallweise. Nach jedem Schmiedevorgang musste das werdende Werk wieder ins Feuer, und in Henri verdichteten sich die Empfindungen, die er beim Anblick der entstehenden Formen hatte, zur Gewissheit über die nächsten Schläge, die das Eisen in die richtige Gestalt bringen konnten. Er ließ sich vom Werkstück beeinflussen, um ihm dann seinen Willen aufzuzwingen.

Zitat: "... und dann bin ich mit mir und meinem Bild allein und habe alles um mich herum verlassen. Die Kraft und die Heftigkeit der Empfindung drücken sich später in der Gestaltung aus. Das ist das Erlebnis!"

Das ist das besondere an dem Material, mit dem er arbeitete. Eisen reagiert trotz seiner Härte und seiner Zähigkeit sehr empfindlich auf die Schläge, die man ihm zufügt. Die Wirkung jedes Schlages ist nicht mehr rückgängig zu machen, sie lässt sich auch am fertigen Objekt noch ablesen. Der Betrachter kann den Prozess der Entstehung, wenn er will, auch Jahre und Jahrzehnte später noch an der Plastik ablesen. Das macht die Unmittelbarkeit aus, mit der seine Arbeiten auf den Betrachter einwirken, und darin ist auch ihre künstlerische Bedeutung begründet. Wolf Henri hat Emotionen in Eisen umgesetzt, und jeder kann daran teilhaben.

Viele seiner frei gestalteten Plastiken haben einen Platz bei privaten Kunstliebhabern oder auch in öffentlichen Einrichtungen gefunden. Sie werden ihre Wirkung auch in hundert Jahren oder später noch haben. Wolf Henris Material ist sehr dauerhaft.

Am Ende seines Schaffens als Künstler hat er sich noch einmal in einer gegenständlich gestalteten Arbeit ausdrücken wollen. Das Ergebnis ist der mit einer Schlange ringende Adler.

Ein paar Gedanken zum Adler von Wolf Henri

Wolf Henri war kein Christ. Er fühlte sich keiner Religionsgemeinschaft verbunden. Und dennoch war er ein tief religiöser Mensch. Er war ständig auf der Suche. Sein Leben lässt sich lesen wie eine immerfort währende Suche nach sich selbst, nach seinem Platz auf dieser Welt, nach dem Sinn hinter dem Schein.

Trotz aller Wechsel und Brüche in seinem Leben, trotz aller Wechsel in seiner Art der Gestaltung, der Ausdrucksformen und der Materialien, die er als Künstler verwendet hat, lässt sich doch auf seinem Lebensweg eine Konstante ausmachen: ihn interessierte immer der Dualismus von Geist und Materie, von Körper und Seele. Er hat auch in sich selbst immer wieder diesen Kampf ausgefochten.

Dabei war er jedoch nie ein Feind des irdischen Lebens. Er war dem Leben in all seinem Reichtum innig zugetan (Zitat: "Das Leben ist das Schönste, was dem Menschen passieren kann! "). Aber er war sich sicher, dass ein Leben, das allein den Leidenschaften folgt, den Menschen ins Verderben führt. Vielleicht lässt sich mit dem lateinischen "mens sana in corpore sano" - ein gesunder Geist in einem gesunden Körper - auf kürzeste Weise in Worte fassen, was hier seine Überzeugung war.

Im Bild des mit der Schlange ringenden Adlers hat er eine uralte, in der Dichtung und der Religion oft verwendete Symbolik wieder aufgegriffen, um diese Spannung deutlich werden zu lassen. Der Adler steht für das geistige Leben, die Schlange für die niederen Instinkte. Während diese sich zappelnd windet, um dem Griff des Adlers zu entkommen, breitet dieser schon, seines Sieges sicher, souverän die Schwingen über das Geschehen.

Wie der Kampf ausgehen muss, war für Wolf Henri klar. Er glaubte fest an den Sieg des Geistes und damit an die Überwindung des Bösen. Die Plastik des Adlers ist quasi sein Eisen gewordenes, bildhaftes Vermächtnis.

Es ist schön, dass dieses positive Bild nun einen Platz in der Öffentlichkeit gefunden hat und an einer kulturellen Begegnungsstätte seine Wirkung entfalten kann. Mögen sich noch lange die Betrachter an seinem Anblick erfreuen.

Helmut Schmeitzner (Neffe von Wolf Henry)

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Stand: 06.12.2007  Impressum  Seitenanfang