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Die Geschwister Varnhagen als Scherenschneider

Zu den lebendigsten und interessantesten Begegnungsstätten der Berliner Gesellschaft am Ende des 18. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gehörte zweifellos der Salon der Rahel Levin, der späteren Gattin des bekannten Berliner Publizisten, Diplomaten und Schriftstellers Karl August Varnhagen von Ense (1785-1858). Hier fanden sich zu regem und anspruchsvollem Gedankenaustausch Menschen verschiedensten Standes und verschiedenster Individualität zusammen: königliche Prinzen wie Louis Ferdinand von Preußen, fremde Gesandte, Künstler, Gelehrte wie die Humboldts, Geschäftsleute, Dichter und Schriftsteller wie Adelbert von Chamisso, Jean Paul während seiner Berliner Aufenthalte oder Heinrich Heine. Nach Raheis Verheiratung (1814) wurde ihr Salon außerdem der Mittelpunkt der Berliner Goetheverehrung.

Varnhagen unterhielt umfangreiche Beziehungen zu den verschiedensten Persönlichkeiten seiner Zeit. Die Beurteilung durch seine Zeitgenossen fiel unterschiedlich aus. Die Brüder Grimm meinten: "Es ist ein höchst eigensüchtiger, kalt berechnender Mensch, der um alle Dinge einen zwar gescheidten, aber doch einförmigen Witz spinnt, und ausschneidet." 1 Nichtsdestotrotz ist er eingebettet in einen immensen Freundeskreis, der ihn bewundert. Aus seinen zahllosen Kontakten und Beziehungen erwuchs u. a. eine sehr sorgfältig zusammengetragene Sammlung von Tausenden von Autographen, Manuskripten und Druckschriften, die einer testamentarischen Verfügung zufolge 1880 an die Königliche Bibliothek zu Berlin gelangte.2 Unter seinen Papieren fanden sich auch Zeugnisse eines besonders reizvollen Tätigkeitsfeldes: der Kunst des Scherenschnitts. Diese filigrane, sehr viel Geschick, Sorgfalt, Phantasie und Konzentrationsfähigkeit erfordernde Kleinkunst erfreute sich insbesondere im 18. und 19. Jahrhundett bis zur Erfindung der Fotografie außerordentlicher Beliebtheit, und deren Ausübung war zumindest in Deutschland weit verbreitet. Philipp Otto Runge, Wilhelm Müller, Adele Schopenhauer, Bettina von Arnim, Luise Duttenhofer haben sich sehr erfolgreich im Scherenschnitt betätigt, ihn kultiviert und bezaubernd anmutige Gebilde hervorgebracht.

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Rosa Maria Assing, Märchenlandschan mit Altan um 1830,
Originalscherenschnitt, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

Auch Varnhagen hat sich von Jugend an in dieser Kunst versucht. Er verstand sich auf den geschickten Umgang mit der Schere und trug hiermit oftmals zur zusätzlichen heiteren Abwechslung der Gäste auf den Abendgesellschaften bei. Mehrfach berichtet er darüber u.a. in seinen Lebenserinnerungen: "Durch Ehrgeiz und Ruhmsucht angespornt, fing ich ... in meinem sechsten Jahre auch schon an, Blumen und Landschaften zum bloßen Zeigen und Verschenken auszuschneiden, und ich brachte diese Gabe zu solcher Höhe, daß ich wenigstens an Feinheit und Schärfe des Gebildes sie kaum übertroffen gesehen habe. Diese Fertigkeit ist in der Folge für mich eine große gesellige Annehmlichkeit ... geworden und hat mir ... Ansehen und Vorteil des Augenblicks verschafft... Mir selbst aber gewährt sie noch in reifen Jahren das unschätzbare Glück, für geliebte, mich umgebende Kinder ein unerschöpfliches Vergnügen stets bereit in meiner Hand zu haben ".3 Talentiert zeigte er sich auch in der Herstellung der Porträtsilhouette mit besonderer Neigung zur Karikatur, die ihm schon in seiner Hallenser Studentenzeit viel Beifall einbrachte. Mit seinen Freunden in der Schellingschen Konditorei sitzend klebte er die ausgeschnittenen Silhouetten an die Fensterscheiben: "Jede neue Figur wurde mit schreiendem Jubel begrüßt, zuletzt blieben auch die ordentlichsten Leute stehen und sahen dem Spaße zu, der ganze Markt war auf dieser Seite bald ein lärmendes dichtes Gepränge". Im Briefwechsel mit seiner späteren Ehefrau Rahel erörterte er den eher spaßhaften Plan, bei einem eventuellen Aufenthalt in Paris der Kaiserin Josephine eine Sammlung Scherenschnitte zu überreichen, bei Gefallen (und entsprechendem Entgelt) könnte diese Art von Geschenken schnell en vogue werden: "Es laufen Bestellungen ein, und ich lege mir Gesellen zu und Papierfabriken und Scherenschleifereien an, wie Nicolai seine Werke selbst verlegte und in eigener Druckerei drucken ließe. Hätte ich nur erst wieder eine gute Schere!" Raheis Antwort dagegen war wohl ernsthafter gemeint (7.2.1809): "Vor allen Dingen will ich bei Dir ein Depot von Ausschnitten anlegen, von denen eine Anzahl von 50 bis 60 Stücken doch wohl in Paris eine kleine Summe für den ersten Anlauf einbringen kann ". Zu einer finanziellen Ausbeutung ist es jedoch nie gekommen! Nach Paris gelangte Varnhagen dann während des Militärdienstes als Fähnrich im Regiment des Grafen von Bentheim bei der Armee des Erzherzogs Karl von Österreich im Krieg gegen Napoleon. Auch hier hat er offenbar viel geschnitten. Adelbert von Chamisso verlangt z.B. von dem Freunde eine detaillierte Bildbeschreibung der derzeitigen Lage und Umgebung (Brief vom 5.7.1809): "Hör mal, Junge! Fähndrich! Doktor! Ihro Gnaden! schreibe mir mal einen Brief und schneide mir haarklein die ganze Bescherung, Krieg, Einquartierung, Parade, Soldaten, Kameraden, Obristen, Nasen, Märsche und Franzosen aus!" Während seines Pariser Aufenthalts (1810) verstand er es, die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich zu lenken: "Mit diesen und anderen Kindern stand ich in lebhaftestem Verkehr, bald sammelten sie sich zu mir um den Tisch, um meinem Ausschneiden zuzusehen und die entstandenen Bildchen zu empfangen, bald spielten sie im Garten mit mir, unter Lachen und Necken, Laufen und Scherzen aller Art". Erwähnungen der Ausschneidekunst durchziehen auch in späteren Jahren den Briefwechsel, die Tagebuchaufzeichnungen und seine Lebenserinnerungen.

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Rosa Maria Assing, Landschaft mit Quellgöttinnen um 1830,
Originalscherenschnitt, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

Große Aufmerksamkeit schenkte er naturgemäß seinem Arbeitsmittel für die Herstellung der Scherenschnitte, der Schere. In einem Essay 'Vom Ausschneiden'4 schreibt Varnhagen: "Sie ist nicht allzu klein, die Spitzen sind sehr genau, die Blätter kurz und schmal, die Stangen sehr lang, sie geht außerordentlich leicht auf und zu; jede anders gebaute Schere taugt nicht zum Ausschneiden, obgleich Viele mit Unrecht sich an kleine Knappscheren gewöhnt haben. "Da sieht man gleich, was englische Arbeit ist!" Diese Schere ist nicht englisch, sie ist besser als alle, die ich mir in England selbst bestellt habe; Herr Wilhelm Turiet, der sein Gewölbe in Wien auf dem Graben zum englischen Stahldegen hat, ist der Verfertiger, den ich allen Ausschneidern bestens empfehle".

Ein besonderes Kapitel unter den Varnhagen-Papieren bildet der Briefwechsel mit seiner etwas älteren Schwester Rosa Maria (1783-1840). Die Geschwister waren zeitlebens einander innig verbunden, obwohl der Bruder 1800 von Hamburg nach Berlin übersiedelte. Rosa Maria hatte ebenso wie ihr Bruder eine gute Erziehung und Ausbildung genossen. Ein fester, aufrichtiger und ausgleichender Charakter war ihr zu eigen. Sie sprach vorzüglich Französisch. Ihr besonderes Interesse galt der zeitgenössischen deutschen Literatur der romantischen Schule, botanischen und naturkundlichen Studien. Hinzu kamen pädagogische Kenntnisse und Fähigkeiten, die sie beruflich nach dem frühen Tod des Vaters nutzen konnte. Außerdem schrieb sie schon frühzeitig Gedichte und Erzählungen.5 Sie heiratete den zum Freundeskreis gehörenden Königsberger Arzt David Assing, mit dem sie eine sehr glückliche und harmonische Ehe führte, aus der ein früh verstorbener Sohn und zwei Töchter hervorgingen: Ottilie und Ludmilla, die Erbin des Nachlasses ihres Onkels Karl August.

Der Bruder bescheinigte der Schwester die schöne (an den noch erhaltenen Arbeiten deutlich erkennbare) Begabung, ungewöhnlich vollkommene Scherenschnitte anfertigen zu können. Rosa Maria scheint sie erst seit dem Beginn der 30er Jahre wieder regelmäßig genutzt zu haben (Fixpunkt 1832: Datierung des Elfenwagens), wie aus den folgenden Briefbeispielen der Geschwister erkennbar wird. So schreibt sie an den Bruder (19.1.1833): "Ich hatte seit vielen Jahren nicht mehr ausgeschnitten, da kam mir vorigen Sommer wieder auf einmal die Lust dazu, und seitdem ist mancherlei entstanden, Blumen und Früchte nach der Natur und Landschaften, die vielen Beifall finden. Ich wende dabei eine Art des Ausstechens an, die ich früher nie angebracht habe, und die zum Teil meine Erfindung ist; auch schneide ich die Stücke, Blumen, Bäume und Figuren, einzeln aus und setze sie nachher zusammen, da die Bilder meist zu groß sind, um sie aus einem Stück zu schneiden ". Der Bruder antwortet darauf (3.4.1834): "Ich wüßte mich in diese Art auszuschneiden noch nicht zu finden und könnte sie, wenn ich auch überhaupt ausschnitte, nicht nachmachen". Rosa Maria beschenkte ihn mit Scherenschnitten, und er schreibt ihr dazu (25.9.1835): "Ganz besonders muß ich dir für die schönen Ausschnitte danken, mit denen du mich aufs neue so angenehm überraschtest. Die sind ja ganz prächtig, und du treibst die Kunst immer höher". Beachtung verdient hier insbesondere die Schilderung der von ihr speziell entwickelten Art des Ausstechens, um eine höchstmögliche Plastizität der Bilder zu erzielen. Angewendet wurde diese Technik (d.h. das Punktieren der Rückseite) vorrangig bei größeren zusammenhängenden Flächen wie Baumstämmen, Mauern, Wald- oder Wiesenstücken. Auch muß der künstlerische Wert ihrer Schnitte als sehr hoch bewertet worden sein, denn sie konnte die 4. Hamburger Kunstausstellung, die am 29. März 1832 eröffnet wurde, mit ihrem Elfenwagen beschicken. Er liegt heute zusammen mit weiteren großformatigen Scherenschnitten Rosa Marias in einer Mappe6 unter den noch in Berlin erhaltenen Nachlass-Papieren aus der Sammlung Varnhagen. Hieraus werden u.a. in einer im Frühjahr 2004 im Schloß Britz veranstalteten Ausstellung eindrückliche Beispiele gezeigt.

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Rosa Maria Assing, Blumenvase, Anfang 19. Jahrhundert,
Originalscherenschnitt, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

Varnhagen selbst konnte trotz seiner geschickten Hand im Umgang mit der Schere, wofür ihm im Freundeskreis viel Anerkennung zuteil wurde, dennoch mit den Leistungen seiner Schwester nicht konkurrieren. Er bewunderte ihre Begabung und zollte ihr neidlos hohes Lob. Der Schriftsteller Karl Gutzkow (1811-1878) widmete ihr nach ihrem Tode einen biographischen Lebensabriss, in dem er mit anrührenden Worten ihre Talente beschrieb: "Die damaligen ästhetischen Anschauungen blieben in ihr die vorherrschenden und wo hat sie sie schöner verherrlicht, als in den wahrhaften Kunstgebilden, die sie mit der Scheere in ihrer zarten Hand aus Papier schnitt? Es ist vielleicht nur Wenigen bekannt, daß Rosa Maria in der Kunst des Ausschneidens ihres Gleichen suchte. Ihre schönsten Gedichte sind vielleicht ihre ausgeschnittenen Arbeiten, die auf der Hamburger Kunstausstellung Bewunderung erregten. ... ein höherer Genius [führte] ihre Hand, wenn sie schwarzes Papier sich zurechtlegte und daraus Blumenstücke, Scenen aus den Tropenländern, Phan-tasieen aus dem Reiche Titaniens schnitt"7. Das Geschwisterpaar bildete somit durch ihre vielfach gerühmte liebenswerte Kunstfertigkeit eine höchst willkommene Bereicherung des gesellschaftlichen Berliner Lebens, obwohl Rosa Marias Besuche in Berlin eher selten waren. Ihre Geschenke an den Bruder kursierten aber in den Abendrunden und fanden hier viele Bewunderer.

Renate Schipke     

Vgl. auch Schipke, Renate: Eine Künstlerin des Berliner Biedermeiers. Scherenschnitte von Rosa Maria Assing, geb. Varnhagen (1783-1840), in: Berlinische Monatsschrift. Jg. 5, 1996, Heft 10, S. 8-13. - Dies.: ,Du treibst die Kunst immer höher'. Rosa Maria Assing als Silhouetteurin, in: Schwarz auf Weiß. Zeitschrift des Deutschen Scherenschnittvereins. e.V. Jg. 3, 1997, S. 6-13.

1 Jacob an Wilhelm Grimm, Paris, 21.10.1815.- Abdruck bei Grimm, Herman u. Hinrichs, Gustav (Hrsg.): Briefwechsel zwischen Jacob und Wilhelm Grimm aus der Jugendzeit. Weimar 1881, Nr. 151.
2 Die Sammlung wurde während des letzten Krieges in die Benediktiner-Abtei Grüssau ausgelagert und befindet sich heute in der Biblio-teka Jagiellofiska in Krakau/Polen, wo sie benutzt werden kann. Sie ist erschlossen im gedruckten Katalog von Ludwig Stern, Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Kgl. Bibliothek. Berlin 1911. - Die Reste der Sammlung, die der Auslagerung entgangen sind, in Berlin verblieben und zu denen auch die Scherenschnitte gehören (Nr. 100: Scherenschnitt-Mappe, Nr. 101: lose Scherenschnitte, nach Motiven geordnet, und Vorlagen etc. in Kassette), wurden von Helga Dohn (Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz) gesondert in einem Dienstkatalog erschlossen.
3 Zitiert nach Kirchner (s. Anm. 4), S. 5. - Auch die weiteren Zitate stammen, sofern nicht anders angegeben, aus Kirchner.
4 Varnhagen von Ense, Karl August: Vom Ausschneiden, in: Cottas ,Morgenblatt für gebildete Stände vom 9. März 1814'. - Zitiert nach dem Abdruck bei Kirchner, Joachim (Hrsg.): Silhouetten aus dem Nachlass von Varnhagen von Ense. Nach den in der Preussischen Staatsbibliothek befindlichen Originalen hrsg. und eingeleitet. Berlin 1925, S. 13-16.
5 Assing, David (Hrsg.): Nenien nach dem Tode Rosa Marias. Hamburg 1840. - Ders. (Hrsg.): Rosa Marias poetischer Nachlaß. Hamburg 1841.
6 Blätter daraus bei Kirchner (s. Anm. 3) abgebildet.
7 Gutzkow, Karl. Gesammelte Werke. Vollst. umgearb. Aufl. Bd. 6. Frankfurt a.M. 1845, S. 294-295.




Stand: 09.07.2006 Impressum  Seitenanfang