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Melchior Grossek (1889 - 1967)

Grossek wird am 6. Januar 1889 in Bralin, Kreis Groß Wartenberg (Schlesien) geboren. Er besucht das Gymnasium in Breslau und studiert dort anschließend katholische Theologie. Daneben ist es ihm um die Ausbildung seiner künstlerischen Fähigkeiten zu tun. 1913 wird er in Breslau zum Priester geweiht. Von 1913-1924 ist er als Kaplan in Berlin tätig, mit Ausnahme der Jahre von 1920-1922, in denen er zwecks Vervollkommnung seiner künstlerischen Ausbildung beurlaubt ist. Er hält sich in der Zeit in München, Aachen und Bonn auf. 1923 publiziert er zwei Scherenschnittzyklen, Das Leben, 33 Blätter zum Leben Jesu, und Gestalten des Todes. Ein Totentanz des Weltkriegs, 15 Blätter. Von 1924-1938 ist er Pfarrer in Berlin-Friedrichshagen, von 1938-1964 in Berlin-Lichterfelde. In finsterster Zeit deutscher Geschichte ist Grossek nicht korrumpierbar, denn der Imperativ, dem er ohne Rücksicht auf sich selbst stets unermüdlich gehorcht, lautet für ihn unwandelbar: Übersetzt das Evangelium in die Praxis des Lebens. 1959 wird er in Anerkennung seiner Verdienste um die Seelsorge im Bistum Berlin zum Päpstlichen Geheimkämmerer (Monsignore) ernannt. Als er am 9. Juli 1967 in Berlin stirbt, werden Requiem und Beisetzung unter großer Anteilnahme aus allen Kreisen der Bevölkerung zu einer eindrucksvollen Kundgebung für eine ungewöhnliche Persönlichkeit.

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Grosseks Kunstauffassung wird durch die Gegnerschaft zu den überkommenen geschmacklichen Präferenzen bestimmt. Zu seiner Zeit und in seinem Fall bedeutet das die vehemente Ablehnung des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dominierenden Historismus. Für das eigene künstlerische Schaffen tendiert Grossek zum Expressionismus. Er gehört aber eher zu dessen Nachhut, denn als er in den frühen zwanziger Jahren erstmals mit seinen Arbeiten an die Öffentlichkeit tritt, hat der Expressionismus seinen Höhepunkt längst überschritten und kündigt sich die Neue Sachlichkeit bereits deutlich an. Hinzu kommt, daß Grossek als Künstler alles vermeidet, was ihn in den eigenen Augen zu einem wurzellosen und selbstgefälligen Ekstatiker machen würde. Der Künstler tritt bei ihm stets hinter dem Priester zurück. Das bedeutet, daß Grossek in seiner künstlerischen Arbeit lediglich eine zusätzliche seelsorgerische Wirkungsmöglichkeit sieht. In dem Konflikt zwischen avantgardistischer ästhetischer Herausforderung und Volksempfinden entscheidet er sich deshalb im Zweifelsfalle für letzteres. Er praktiziert also von vornherein einen eher gemäßigten Expressionismus, wovon sein Kriegstotentanz allerdings weitgehend auszunehmen ist. Die formale Reserve, die Grossek sich auferlegt, gilt es zu respektieren, wenn auch die Frage erlaubt sein muß, ob sie seiner Kunst immer bekommen ist.

Von Grossek sind beinahe ausschließlich Scherenschnitte und Druckgraphik überliefert. In der Ausstellung ist er mit dem Scherenschnittwerk Gestalten des Todes. Ein Totentanz des Weltkriegs. Bonn und Leipzig 1923 vertreten. Grossek widmet dieses Werk seinen beiden älteren im Ersten Weltkrieg gefallenen Brüdern. Hier liegt zweifellos eine, wenn nicht die düstere Inspirationsquelle für den Kriegstotentanz. Die Ausstellung zeigt außer den 15 Tafeln der Mappe sechs Originale, die von Grossek letztlich verworfene Varianten zu den Tafeln I, II, IV, VI, X und XV darstellen. Hat Grossek dasselbe Motiv also mehrfach geschnitten? Wohl kaum, und erst recht nicht in den Fällen, wo die Ausführungen desselben Motivs sich seitenverkehrt zueinander verhalten. Grossek schneidet die großen Linien eines Motivs nämlich stets einem Stapel von fünf, sechs Blättern Silhouettenpapier auf einmal ein, so daß er jederzeit ein Blatt vom Stapel lösen und für sich weiterbearbeiten kann. Und wenn zuvor zwei Blätter mit derselben Seite, also etwa der schwarzen, gegeneinander zu liegen kommen, so ergibt sich beim Ausschneiden Seitenverkehrtheit desselben Motivs von ganz alleine. Für den Kriegstotentanz war ursprünglich an eine Fortsetzung um zwei weitere Mappen zu je 15 Tafeln gedacht, die jedoch nie erschienen sind, weil Grossek, als er 1924 seine erste Pfarre übernimmt, dafür offenbar keine Zeit mehr erübrigen kann. Doch sind die Vorarbeiten für die Fortsetzung schon ziemlich weit gediehen. Davon zeugen, außer den in Grosseks Nachlaß befindlichen Vorzeichnungen und sogar bereits ausgeführten Scherenschnitten, sieben weitere Originale, die in dieser Ausstellung zu sehen sind.

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Melchior Grossek, Die Zerstörung,
Originalscherenschnitt, Privatbesitz

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Melchior Grossek, Der Flieger,
Originalscherenschnitt, 1923, Privatbesitz

Wenn in der älteren Totentanztradition trotz aller erschreckenden Endgültigkeit des Sterbens auch immer wieder ein tröstlicher Aspekt zur Geltung kommt, weil der Tod mit einer ebenso wahllosen wie unbestechlichen Gerechtigkeit jeden, ob Mann oder Frau, ob jung oder alt, ob reich oder arm, angesehen oder verachtet, gleichermaßen trifft und damit im Auf und Ab und in aller Verworrenheit des Lebens letztlich einen ordnenden Fixpunkt darstellt, so ist dieser Aspekt zu Anfang des 20. Jahrhunderts, als Grossek seinen Kriegstotentanz publiziert, weitgehend aus dieser Tradition verschwunden. Scheint sich in deren älteren Zeugnissen auch immer noch insofern ein metaphysischer Horizont zu eröffnen, als wir mitten im Leben vom Tode umgeben sind und also unser Ende bedenken sollten, damit wir klug werden, so fehlt bei Grossek und in anderen Totentänzen jener Zeit diese Aussicht gründlich. Bei Grossek scheint die Schöpfung aus den Fugen geraten und gänzlich dem Tode anheimgefallen zu sein. Er allein haust, vielmehr wütet in ihr mit einem Erfindungsreichtum und einer geradezu lüsternen Verschlagenheit ohnegleichen. Seine Gier ist unersättlich. Er ist ein Besessener seines Handwerks, in dessen Meisterschaft er sich nicht überbieten läßt. Grosseks Tod hat etwas Satanisches, dem die Welt mit dem Krieg ausgeliefert ist. In seiner schaurigen Eindringlichkeit ist sein Totentanz Klage und Protest zugleich, mehr allerdings Protest gegen das Böse, das mit dem Wüten auf den Schlachtfeldern in die Schöpfung eingebrochen ist. Mit diesem fulminanten Werk hat Grossek sich für immer höchst eindrucksvoll in eine große Tradition gestellt. Der Totentanz des Weltkriegs bleibt das Herzstück in seinem künstlerischen Schaffen, und zwar im doppelten Sinne, als Höhepunkt seiner Ausdruckskraft und als Erinnerungsmal für seine im Ersten Weltkrieg gefallenen Brüder.

Literatur:
Stephan Kozáky: Geschichte der Totentänze. 3 Bde. Budapest 1936-1944 (Bibliotheca humanitatis historica, Bd. 1, 5 und 7), Bd. 3, S. 186, 187 f. u. 249 f. sowie Tafel LXXIX u. LXXX.
Peter-Christian Wegner: Neues zu Melchior Grosseks Kriegstotentanz von 1923. In: L'Art Macabre 3. Jahrbuch der Europäischen Totentanzvereinigung (2002), S. 199-216.
(Ders.: Melchior Grossek als Künstler. Erscheinungsdatum: 2005.)


 
Melchior Grossek
18896. Januar Geburt in Bralin, Kreis Groß Wartenberg (Schlesien)
Besuch des Gymnasiums in Breslau. Anschließend dort Studium der katholischen Theologie und Ausbildung der künstlerischen Fähigkeiten
1913Priesterweihe
1913-1924Kaplan in Berlin
1920-1922Beurlaubung zwecks Vervollkommnung der künstlerischen Ausbildung (München, Aachen, Bonn)
1923 Gestalten des Todes. Ein Totentanz des Weltkriegs und Das Leben.
1924-1938Pfarrer in Berlin Friedrichshagen
1938-1964Pfarrer in Berlin-Lichterfelde
1959Anerkennung seiner Verdienste um die Seelsorge im Bistum Berlin durch die Ernennung zum Päpstlichen Geheimkämmerer (Monsignore)
19679. Juli Tod in Berlin

Grosseks Kunstauffassung ist nie Selbstzweck, sondern der Künstler tritt bei ihm stets hinter dem Priester zurück. Grossek sieht in seinem Künstlertum lediglich eine zusätzliche seelsorgerische Wirkungsmöglichkeit. Der von ihm favorisierte Expressionismus vermeidet deshalb auch alles, was Grossek in den eigenen Augen zu einem wurzellosen und selbstgefälligen Ekstatiker machen würde. In dem Konflikt zwischen avantgardistischer ästhetischer Herausforderung und Volksempfinden entscheidet er sich im Zweifelsfalle für letzteres. Das gilt es zu respektieren, wenn auch die Frage nicht verwehrt sein darf, ob seiner Kunst das auch immer bekommen ist.

Von Grossek sind beinahe ausschließlich Scherenschnitte und Druckgraphik überliefert. Er pub­liziert 1923 zwei Scherenschnittwerke: Gestalten des Todes. Ein Totentanz des Weltkriegs von Melchior Grossek. Bonn und Leipzig 1923 und Das Leben. 33 Scherenschnitte von Melchior Grossek. Mit Gedanken von Georg Timpe. Freiburg im Breisgau 1923.

Das zweite Werk ist abgeschlossen. Die Ausstellung zeigt einige Originale, die den Reproduktionen im Album zugrunde liegen. Sie zeigt weitere Originale, die thematisch zum Leben hinzugehören, von Grossek im Hinblick auf die Publikation aber ausgeschieden worden sind, weil sonst die Zahl von 33, eine Anspielung auf das von Jesus mutmaßliche erreichte Lebensalter, hätte überschreiten müssen.

Beim ersten Werk, das Grossek seinen beiden im Ersten Weltkrieg gefallenen älteren Brüdern widmet und das 15 Tafeln umfasst, war an eine Fortsetzung um zwei weitere Mappen zu je 15 Tafeln gedacht, die jedoch nie erschienen sind. Die Ausstellung zeigt die 15 publizierten Tafeln sowie sechs Originale, die als Varianten zu den Tafeln I, II, IV, VI, X und XV gelten können. Sie zeigt ebenfalls sieben Originale, die eine Vorstellung von dem geplanten Fortgang des Kriegstotentanzes vermitteln.

Texte: Peter-Christian Wegner    




Stand: 09.07.2006 Impressum  Seitenanfang