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Ernst Moritz Engert (1892 - 1986) und Berlin

Eng waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Beziehungen zwischen den Lagern der Boheme in München und Berlin.

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Ernst Moritz Engert, Tänze, A. 20. Jahrhundert, Privatsammlung

Rolf von Hoerschelmann schreibt in seinem Buch "Leben ohne Alltag": "Lange Zeit hatte ich Gelegenheit, einige Wintermontage in Berlin zu verbringen, und ich trug mit Stolz den Titel eines Austauschbohemiens, denn es war selbstverständlich, dass ich alsbald einen festen Platz im Romanischen Cafe, dem Treffpunkt der Künstler hatte; ..." 1 Dies galt natürlich auch in der Gegenrichtung und die Berliner fanden Platz im Cafe Stephanie, genannt Cafe Größenwahn, oder im Simpl. So war es Glücksache, ob man Erich Mühsam, John Höxter oder Joachim Ringelnatz hier oder dort antraf. Auch Ernst Moritz Engert pendelte in der frühen Boheme-Zeit zwischen München und Berlin. Nachdem er in Schwabing fest dazugehörte, mietete er - dem Rate von Georg Heym folgend - in Berlin ein Atelier. Hier fand er sehr schnell Anschluss an den Kreis der jungen expressionistischen Dichter um Kurt Hiller und seinem "Neuen Club"; Erwin Loewenson 2, Ernst Blass, Wilhelm Simon G(h)uttmann, Armin Wassermann, Jakob van Hoddis. Als der Neue Club mit öffentlichen Veranstaltungen im "Neopathetischen Cabaret" antrat, war Engert sehr bald auch dabei, so beim 7. Abend am 16. November 1911, als er mit dem Schattenspiel "Sansara - das liebliche Schattentheater" nach einem Text von Golo Gangi = Erwin Loewenson antrat. Er hatte sich als Mitspieler Georg Heym verpflichtet, der den Abend mit Gedichten einleitete. Auch beim nächsten, dem 8. Abend am 16. Dezember 1911, war er mit dem Schattenspiel "Das Loch" nach Achim von Arnim dabei. Viele seiner Berliner Freunde hat er in Bildnissilhouetten verewigt. Auch zu den bildenden Künstlern fand er Anschluss. Zu den frühen Bekannten gehörte die Bildhauerin Eva Lau, die später mit einem Beitrag im Manifest "Ja! Stimmen des Arbeitsrates für Kunst in Berlin" auf sich aufmerksam machte, die aber zu den vergessenen Künstlern der frühen Moderne zu zählen ist 3. Ein tiefer Einschnitt, möglicherweise das vorläufige Ende der ersten Berliner Zeit, war der plötzliche Tod von Georg Heym, der zu seiner Schlittschuhpartie, von der er nicht mehr zurückkehrte, aus Engerts Atelier aufgebrochen war. Er hatte vorher noch mit dem Verleger Rohwohlt korrespondiert, da er dort sein Gedicht "Die Morgue", mit Zeichnungen von Engert unterbringen wollte 4. Durch Heyms Tod kam dieser Plan nicht mehr zur Ausführung.

Im Dezember 1921, unmittelbar nach der Geburt seines zweiten Sohnes Erasmus, zog Engert mit Familie nach Berlin, wo er zusammen mit seinem Schwager, dem amerikanischen Bildhauer William Hunt Diedrich und einem weiteren Verwandten, dem Verlagslektor Paul Siegwart von Kügelgen in Zehlendorf-West, in der Goethestraße ein Haus gemietet hatte. Hier entstand eine sehr ungewöhnliche Arbeitsgemeinschaft.

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Ernst Moritz Engert, Bildnissilhouetten von Eva Lau,
1912 und William Hunt Diederich, 1913, Original-
scherenschnitt, Privatsammlung Limburg

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Ernst Moritz Engert, Selbstbildnis ca. 1912, Original-
scherenschnitt, Privatsammlung, Limburg und Bildnis-
silhouette von Joachim Ringelnatz Originalscherenschnitt von 1925, aus: Marion Ackermann, SchattenRisse,
Ostfildern-Ruit, 2001, S. 172, Abb. 91

William Hunt Diederich hatte schon immer auch Scherenschnitte hergestellt, doch diese waren dem Perfektionisten Engert nicht exakt genug. So schnitt er, nach Zeichnungen von Diederich, zum Teil riesige Silhouetten, häufig in geometrische Rahmen gespannt 5. Die großzügig kantige Art der Diederich'sehen Zeichnung sollte in der Folge auch Auswirkungen auf Engerts Arbeiten haben.

Schon 1919 war Joachim Ringelnatz von München nach Berlin gezogen, es folgten die Puppenkünstlerin Lotte Pritzel mit ihrem Mann, dem Arzt Dr. Gerhard Pagel, und der Maler und Bildhauer Carlo Holzer. So gab es in Berlin eine Schwabinger Außenstelle. Im Haus in der Goethestraße wurden 1923 auch die Schattenspiel-Sequenzen aufgenommen, die in den Stummfilm "Schatten" mit Fritz Kortner eingeblendet wurden und die dem Film Struktur geben 6. Es war Engerts erster Beitrag für den Film. In dieser Zeit begann auch Lotte Reiniger mit Silhouetten-Filmen.

Engert startete damals auch seine Tätigkeit als Theaterzeichner, er skizzierte bei den Proben und schnitt danach Bühnen-Szenen, die mit den Berichten zu den Aufführungen veröffentlicht wurden 7. Diese zweite Berliner Zeit endete zum Jahreswechsel 1923/24.

Endgültig zog Engert 1930 nach Berlin. Der Schwerpunkt dieser Zeit liegt auf gebrauchsgraphischen und buchkünstlerischen Arbeiten, aber auch in seiner Tätigkeit als Pressezeichner, besser Presse-Scherenschneider.

Er schreibt selbst auch Zeitungs- und Zeitschriftenartikel und illustriert sie mit Scherenschnitten. Er wird ständiger Mitarbeiter der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" und der "Deutschen Theaterzeitung".

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Ernst Moritz Engert, Samson, Druck nach dem
Originalschnitt von 1915, aus: "Im Gegenlicht
- Ein Schattenbild", Ausstellungskatalog
Limburg, 1992, S. 53

Seine Theater-Scherenschnitte werden in der Ausstellung "Eine Bildchronik der Berliner Theater der Gegenwart" im Museum der Preussischen Staatstheater, zusammen mit den Arbeiten von Nils Graf Stenbock, Heinz Raebinger, Herbert Jescke, Heino Meißel, Inge Drexler-Hansmann, Manfred Pahl, Hans Meyer-Mengede und Heinz Freese gezeigt. Ursula von Kardorf schreibt dazu in der DAZ: "Ernst Moritz Engert, der ständige Mitarbeiter der DAZ, bringt seine Silhouetten, die völlig neue und originelle Wege in der Art der Darstellung weisen. Mit sicherem Blick erfasst er die wesentlichen Züge, und mit kultivierter Hand schneidet er seine Scherenkunstwerke auf feinstem Japanpapier. Das erstaunliche daran ist die spitzige Beweglichkeit, die reizvolle Anmut, mit der die Figuren, die übrigens stets treffend ähnlich sind, aus einem toten Stück Papier zu zauberhaftem Leben erweckt 8."

Um Engert hat sich ein Kreis von Künstlern eingefunden, zu denen neben den alten Freunden wie John Höxter, Benedict Friedrich Dolbin, Max Oppenheimer, genannt Mopp, neue wie der Keramiker Bontjes van Beek, Albert Schaefer-Ast, Hans Bell-mer, der Schriftkünstler Gusto Gräser und die Silhouettenkünstlerin Lotte Reiniger kamen. Es ist die Spätphase der Boheme in Berlin, misstrauisch beäugt von den Nationalsozialisten. Der Kreis löst sich auf als Gusto Gräser, dem Engert sein Hausboot abkauft und ihm damit den Rückzug nach München ermöglicht, weggeht, Mopp und Dolbin nach Amerika auswandern, Bellmer nach Frankreich geht und Höxter nach der "Reichskristallnacht" sich das Leben nimmt.

Engert wird beim Reichsamt für Landesaufnahme dienstverpflichtet, später noch eingezogen.

Aus der Gefangenschaft kehrt er nicht mehr nach Berlin zurück, sondern geht nach Hadamar, wo er zu seiner Schwester Dora in das Haus der Familie zieht. Sein Atelier richtet er in der leerstehenden Synagoge ein 9.

Franz Josef Hamm     

1 Rolf von Hoerschelmann, Leben ohne Alltag. Wedding- Verlag, Berlin 1947
2 Zu diesem Abend hatte Engert auch den Programmzettel gestaltet. Ein Exemplar liegt im Schiller-Nationalmuseum, Marbach am Neckar. Es ist abgebildet in: Franz Josef Hamm, Im Gegenlicht - Ein Schattenbild, Katalog zur Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstages von Engert in den Kunstsammlungen der Stadt Limburg und im Ernst Moritz Engert Museum in Hadamar, 1992
3 Franz Josef Hamm, Engert und seine Künstlerfreunde. Boheme in München und Berlin. Katalog zur Ausstellung in den Kunstsammlungen der Stadt Limburg, 1989
4 siehe die entsprechenden Passagen in Joachim Heusinger von Waldegg, E. M. Engert, Monographie und Dokumentation, Rheinland-Verlag, Köln 1977
5 siehe hierzu Text und Abbildungen in Ernst Moritz Engert, Figürliche Scherenschnitte mit einem Beitrag über William Hunt Diederich und seinen gemeinsam mit Ernst Moritz Engert geschaffenen Scherenschnitten. Bestandskatalog der Stiftung Ernst Moritz Engert bei der Kreisstadt Limburg a. d. Lahn, Limburg 2002
6 Schatten - eine nächtliche Halluzination, Deutschland 1923; Regie: Arthur Robinson; Buch: Rudolf Schneider, A. Robinson. Kamera: Fritz Arno Wagner; Bauten, Kostüme: Albin Grau; Darsteller: Fritz Körtner, Ruth Weyher, Gustav von Wangenheim, Alexander Granach. Schattentheater. Ernst Moritz Engert.
7 Engert und das Theater, Katalog zur Ausstellung in den Kunstsammlungen der Stadt Limburg, 1985. Ernst Moritz Engert, Theatersilhouetten und Schauspielerporträts. Bestandskatalog der Stiftung Ernst Moritz Engert bei der Kreisstadt Limburg a. d. Lahn, Limburg 2000
8 undatierter Ausschnitt aus der DAZ, vermutlich 1934
9 alle Angaben zu Leben und Werk in Franz Josef Hamm, Im Gegenlicht - Ein Schattenbild, wie Anmerkung 2.




Stand: 09.07.2006 Impressum  Seitenanfang